Berlin. Ein kleiner Sommeraufenthalt.
30. Juli 2009 von Franziska Fuhlrott
Ich wünsch mir was
Ich wünsche mir ein Luftdruckgerät, dass durch meinen Kopf pfeift und dort den Staub und die Ablagerungen eines Jahres herausfegt: hier eine schlechte Stimmung, dort eine Verletzung, in der Ecke der letzte Rest eines ungeklärten Streites. Ich stelle mir vor, wie der Luftdruck jede Windung meines Gehirns durchspült, wie frischer Wind sich Platz macht. Es liegt wohl in unserer eigenen Verantwortung, mit diesem Ballast umzugehen, der sich im Laufe eines Lebens immer wieder ansammelt. Aber wohin damit?
Ich denke an das Luftdruckgerät, immer wieder und langsam wird mir wohler, ich atme tief und werde leicht und hoffe auf schönes Wetter.
Ich überwinde etwas
Ich habe das Gefühl, nie loszukommen, verschiebe die Abreise von Tag zu Tag. Soviel ist liegengeblieben und es gäbe genug zu tun für Wochen. Unmut macht sich breit. Ich muss los, jetzt oder nie. Endlich sind die Freunde getroffen, die Unterlagen zur Post gebracht und die Taschen gepackt. Meine Mutter hat mir kürzlich einen Rollkoffer geschenkt, groß wie ein Schrank, den wollte ich haben, fällt es mir doch schwer, auszuwählen und zu verzichten. Bei der letzten Reise dann die Erkenntnis: er ist zu schwer für mich, kann ihn kaum rollen, geschweige denn tragen, auf jedem Bahnhof suche ich nach einem Fahrstuhl, der mich auf die andere Ebene bringt. Das ist ein Vorgeschmack aufs Rentner Sein, jede Treppe eine unüberwindbare Hürde. Deshalb diesmal nur zwei Taschen, eine mit Kleidung, die andere mit Schuhen und Kosmetik, das kann ich grad noch tragen und muss niemanden um Hilfe bitten.
In der Mitfahrgelegenheit vorn zwei Männer, neben mir ein junges Mädchen, blond, mit Schleifen im Ohr, mit Kettchen und Ringchen und rosa MP3 Player. Sie ist sehr schick gekleidet im Marinestil und schaut von unten in die Welt mit leicht gebeugtem Nacken. Mit dieser Haltung wirkt sie wie ein Dienstmädchen, das der Herrschaft die gute Kleidung aus dem Schrank entwendet hat und auf der Flucht in die große weite Welt ist. Ich muss an das kunstseidene Mädchen denken und mache ihrer Handtasche ein Kompliment. Sie freut sich, aber dann bin ich schon da.
Ich gehe los
Einfach loslaufen, ein Ziel, aber genug Zeit für den Weg haben, sich den Luxus von Umwegen leisten können – das ist für mich Urlaub. Die Stadt ist voller Erinnerungen, sie kleben an jeder Ecke und ich laufe hindurch und schaue mit Abstand darauf. Wie jung ich war, jetzt bin ich älter, das ist an sich nicht neu, aber ich erlebe es zum ersten Mal. Ich gehe in mein Lieblings – Second Hand Geschäft am Frankfurter Tor, auf mehreren Ebenen muffige Kleidung und ein schöner Ausblick vom obersten Stock. Auf einer Stange hängt DDR Mode, ein paar Schürzen und Pullover und Westen aus Polyester, die aussehen, als hätte man sie Omas, die in Pflegeheimen sitzen, vom Leib gezerrt. Ich frage mich, was die Omas jetzt tragen, während ihre Pullover von jungen trendbewussten Menschen anprobiert werden und muss an meine Oma denken. Die saß auch mal im Pflegeheim, dort habe ich sie besucht, jetzt liegt sie Weberwiese, bei Onkel und Cousin in einer Urne. Letzten Sommer, als es so heiß war, habe ich ein paar Kannen Wasser auf sie gegossen, aber dieses Jahr regnet es jeden Tag. Wenn ich über die Warschauer Brücke laufe, muss ich jedes Mal an sie denken, denn von dort schaue ich auf das blaue Hochhaus am Ostbahnhof, dort hat sie in den letzten Lebensjahren gewohnt. Und immer habe ich den Impuls, zu ihr zu gehen und zu klingeln. „Kommst du auch mal wieder“ würde sie zur Begrüßung zu mir sagen und dann heimlich ihr Gebiss einsetzen, dass sie in der Schürzentasche mit sich herumträgt. Wir würden über dies und das plaudern und sie warnt mich vor den Männern, die alle nur mein Geld wollen. Welches Geld, denke ich wehmütig, während ich den trockenen Butterkeks in den Instandkaffee tauche. „Ich hab nichts im Haus, nichts zu essen da“ sagt meine Oma jedes Mal, ein heimlicher Blick in den Kühlschrank offenbart üppige Vorräte, aber Krieg und Flucht halten ihn verschlossen. Was würde ich darum geben, noch einmal bei meiner Oma trockene Kekse zu essen, noch einmal bei ihr zu sitzen, nie mehr würde ich sie warten lassen, jede Woche einmal kommen. Zum Abschied reicht sie mir einen Abfallbeutel mit Knochen und Obstschalen, den soll ich unten in einen Eimer werfen, damit er nicht oben zu riechen anfängt. Ich stecke ihn in meine italienische Handtasche und werfe ihn am Ostbahnhof in einen Abfalleimer, manchmal vergesse ich ihn auch und erinnere mich erst, wenn ich vor der Haustür nach meinem Schlüssel suche. Ich schaue in meine Handtasche, dort liegt jetzt ein Stadtplan, den brauche ich mittlerweile, denn die Erinnerungen an Straßen und Plätze verwischen. Ich steige Frankfurter Tor in die U-Bahn Richtung Alex, die Station Weberwiese liegt in der anderen Richtung, heute nicht, vielleicht morgen und es hat ja gerade erst geregnet.
Ich gehe aus
Wir gehen ins SchwuZ, einen bekannten schwulen Club Berlins zu einer Schlagerparty. Wir stehen und trinken und sind mäßig amüsiert. Wir, das sind mein bester Freund Jan und ich. Wir trinken Bier. Ich sage Jan, er soll keinen Schnaps trinken, denn davon bekommt er Filmrisse. Ich habe Angst, eine Xanthippe zu sein. Ich trage ein umwerfendes Retro-Kleid aus 100% Polyester und eine Korallenkette und schwitze. Die Männer bleiben stehen und machen mir Komplimente. Ein Österreicher fordert mich zum Tanzen auf. Schwule Männer interessieren sich durchaus für Frauen, solange sie versuchen, so auszusehen wie Marlene Dietrich oder Judy Garland. Eine Transe kommt, stellt sich vor uns hin und singt laut „Was hat sie, was ich nicht habe“ und zeigt dabei auf mich, auf sich und auf unsere Unterleiber. Der Scherz ist ein wenig alt, aber ich lächle, schließlich will ich mich nicht mit einer Transe anlegen.
„Madame“. Vor mir bleibt ein Typ stehen und lächelt mich an. Ich lächle zurück. Er will wissen, wo ich wohne und was ich mache. Ich erzähle ihm, dass ich vor drei Jahren schweren Herzens beruflich nach Dresden gezogen bin. Ich erfahre von ihm, dass er in einer Zeitarbeitsfirma arbeitet, gern Architektur studiert hätte und dass alle Freunde ihm vorwerfen würden, dass er nichts aus seinem Leben mache. Er erzählt von seiner Kindheit in der westdeutschen Provinz, von seiner Liebe zu Berlin. Er sagt, er habe sich damit abgefunden, dass seine Träume nicht in Erfüllung gehen, das sei sein Schicksal. Wir stellen fest, dass wir gleich alt sind. Das freut uns. Er sagt mir seinen Namen und ich vergesse ihn sofort wieder. Dann gehen wir auseinander. Eine Stunde später fahren Jan und ich nach Hause.
Ich gehe zum Zahnarzt
Ein Zahnarzt ist Vertrauenssache, deshalb bin ich meiner Ärztin treu und habe mir immer noch niemanden in Dresden gesucht. Außerdem erzählt sie mir jedes Mal, dass ich gute Zähne habe – das ist auch Kundenbindung. Es ist wie jeden Sommer, ich sitze im Stuhl, sie kratzt ein wenig an meinen Zähnen herum, poliert hier, schabt dort und fragt mich Dinge, die ich nicht beantworten kann, weil ich ja gerade ihre Finger im Mund habe. Am Ende bedanke ich mich und verabschiede mich mit den Worten „Bis nächstes Jahr“.
Ich gehe Grillen
Wir sind bei einem Freund von Jan zum Grillen eingeladen. Er wohnt direkt am Görlitzer Bahnhof in einer 4 Zimmer Altbauwohnung mit Parkett und Balkon und Blick auf den U-Bahnhof. Diese Wohnung hat etwas unglaublich Urbanes und ist für mich schlagartig der Innbegriff von Berlin. Der lange Tisch ist im Zimmer der Mitbewohnerin vor dem Balkon aufgebaut, die Türen sind geöffnet, draußen steht der Grill, im Durchgang ein riesiger Strauß Sonnenblumen, die Abendsonne scheint über die Dächer und die weißen Vorhänge wehen im Abendwind. Ich überzeuge mich noch einmal – ja, sie wehen tatsächlich und ich bin hingerissen und kann meinen Blick von diesem Ensemble nicht losreißen, denn es gleicht auf den Punkt einer Fantasie von mir, in der wehende Vorhänge ein Hauptbestandteil sind. Diese Fantasie umfasst ein Leben in einer 4 –8 Zimmer Altbauwohnung mit Flügeltüren, Parkett und großen Gesellschaften, bei denen Gläser klirren, der Kristalldeckenleuchter den Kerzenschein tausendfach spiegelt, die Fenster geöffnet sind und folglich die Vorhänge wehen. Ich lasse mich inmitten meiner Fantasie nieder und speise Grillfleisch, Würste und Toast, die streng genommen zu barbarisch für meine Fantasie sind, aber trotzdem schmecken. Die Wohnung, ursprünglich zu zweit angemietet, beherbergt nun drei Mieter. Jans Freund hat aus Kostengründen eines seiner Zimmer vermietet und wohnt nun im kleineren der beiden. Dieses wiederum vermietet er des öfteren über Bed und Breakfast an Berlinbesucher und schläft dann bei seiner Mitbewohnerin im Zimmer, mit der er sich die Einnahmen aus der Vermietung teilt. Die Mitbewohnerin weiß zu berichten, dass sie auch einmal ihr Zimmer vermietet habe und ganz vergessen hatte, dass die ganze Wohnung schon an Schlafgäste vermietet war. Sie musste dann letztendlich die Nacht bei einer Freundin verbringen. Ich schlage vor, die Zimmer an Schichtarbeiter zu vermieten, die am Tage zum Schlafen kommen und in der Nacht in die Fabrik müssen. Dieses Modell erfreute sich im Berlin der Kaiserzeit und der Weimarer Republik schon großer Beliebtheit. Wir lachen. Noch.
Ich gehe auf den Balkon und schaue auf die Straße. Das Faszinierende an dieser Wohnung ist, dass ich schon vor 12 Jahren auf der Straße an ihr vorbeiging, wohl hunderte Male. Jetzt stehe ich hier und sehe alles von oben in der Abendsonne. Dass es nach so langer Zeit immer noch möglich ist, die Perspektive zu wechseln und neue Blicke auf die Dinge zu werfen, fasziniert mich. Auf dem Weg nach Hause muss ich an meine vier Zimmer Altbauwohnung denken, die ich wahrscheinlich niemals im Leben bewohnen werde, es sei denn, ich vermiete drei der Zimmer an Untermieter, wie seinerzeit meine Großmutter nach dem Krieg.
Ich gehe ins Museum
„Ick brache zwei Stunden nach Spandau, jeden Tag zwei Stunden zur Arbeit. Dit is ne Scheiße, dit Jefahre.“ Ein Mann mit Brillengläsern so dick wie Aschenbecher macht seinem Unmut Luft. Die Frau neben ihm schaut ihn kurz an und versucht so zu tun, als würde sie nichts verstehen. Der Bus bleibt stehen und ein neuer Schwung Touristen drängt hinein. Der S-Bahnverkehr in Berlin ist so gut wie lahmgelegt, die Züge müssen gewartet werden und wurden aus dem Verkehr gezogen. Die Folge ist ein Chaos, dass die Berliner mit stoischer Gelassenheit ertragen. Die Touristen wirken verstört und orientierungslos, aber das ist den Berlinern egal. Lustgarten, Staatsoper, Humboldtuniversität, wir stehen dicht gedrängt und es ist heiß und ich muss an die Schweinegrippe denken. Dann dränge ich mich Richtung Ausgang .
„Nieder mit dem islamischen Unrechtsregime. Nieder mit dem islamischen Unrechtsregime.“ Am Brandenburger Tor findet eine Demonstration statt, ich sehe rote Luftballons und ein paar rotgekleidete Menschen. Jemand spricht in ein Mikrophon. Ich gehe nach links und öffne die Tür eines großen Glasbaus. Sofort ist es angenehm still und kühl. Ich sehe mir die Ausstellung „Übergangsgesellschaft. Porträts und Szenen 1980-1990“ an, Bilder und Filmmaterial von Autoren, die in der DDR lebten und arbeiteten. Ich betrachte Dokumente dieser vergangenen Welt, sehe Porträts von Frauen in Kittelschürzen aus dem VEB Färberei und chemische Reinigung Leipzig aus dem Jahr 1989. Sie haben dauergewelltes Haar und unter jedem Foto stehen Namen, Alter und Dienstjahre: Brigitte 51, 35 Dienstjahre, Sabine 38, 20 Dienstjahre. Christine 30, 12 Dienstjahre. Ich sehe in Christines Gesicht, sie sieht alt aus, viel älter als ich. Sie sieht nach frühem Aufstehen aus, nach Heirat und zwei Kindern mit denen sie nach der Arbeit Hausaufgaben macht. Sie müsste jetzt 50 sein.
Ich gehe weiter und sehe Fotos von Sven Marquardt, der jetzt als Türsteher im Berghain arbeitet, das vor kurzem zum besten Club der Welt gekürt wurde. Oft bin ich früher an ihm vorbei in den Club gegangen, nun hängen seine Bilder von Punks und Gestalten der Subkultur in zwei Berliner Ausstellungen und sogar die FAZ hat vor kurzem ein Interview mit diesem Wächter der Nacht abgedruckt.
Besonders beeindrucken mich Bilder von Gundula Schulze-Eldowy, Berliner Alltagsaufnahmen aus dem Jahr 1983, die allesamt aussehen, als stammten sie aus den 50er Jahren. Sie zeigen Berliner Urgesteine, Menschen mit Bollerwagen, zerstörte Häuser, verrammelte Geschäfte, Kohlenträger, Zeitungsträger, Zwillinge in dünnen Kleidchen. 1983 war ich sechs Jahre alt.
Ich gehe weiter und mein Blick bleibt an schlafenden Gesichtern hängen, eine junge hübsche Frau, ein alter Mann, insgesamt sind es sechs Bilder, von denen bei näherer Betrachtung etwas Verstörendes ausgeht. Ich schaue auf die Bildunterschriften und erstarre – es sind Totenbilder, die Menschen auf den Bildern Verstorbene, die im Nachhinein abgelichtet wurden und nun hier in der Ausstellung hängen. Nach einem Todesfall in der Familie stieß ich vor einigen Jahren auf einen Bildband mit dem Titel „Noch mal Leben vor dem Tod“. Er zeigt Bilder von Menschen kurz vor und nach ihrem Tod. Diesen Bildband wollte ich unbedingt haben, aber ich habe mich nie getraut, ihn zu kaufen, zu groß war meine Angst vor den toten Gesichtern. Außerdem hatte ich immer moralische Bedenken gegenüber den Verstorbenen, sie sind auf immer den Blicken der Lebenden ausgesetzt, ohne sich dagegen wehren zu können. Auch jetzt, beim Betrachten der Fotos, komme ich mir wie ein Voyeur vor. Die Toten können sich nicht wehren, der Kameralinse nicht entfliehen, nicht den Kopf wegdrehen. Hat sie jemand um Erlaubnis gefragt?
Ich gehe aus der Ausstellung. Zwei Stunden sind vergangen. Inmitten der roten Luftballons wird immer noch demonstriert.
Ich gehe zu Gülistan
Ich fahre in den Prenzlauer Berg, um meine kurdische Freundin Gülistan zu besuchen. Ein Treffen mit Gülistan gleicht nicht den üblichen Treffen mit anderen Freunden, bei denen man stundenlang im Cafe sitzt und sich konzentriert die Ereignisse der letzten Monate um die Ohren haut. Mit Gülistan verfällt man in Aktivität, die sofort nach dem Öffnen der Tür einsetzt. Das Treffen beginnt mit einer Neuigkeit, entweder einem Problem oder etwas Erfreulichem, dann gibt es Dinge zu erledigen und neue Anschaffungen zu bestaunen. Dann gehen wir Essen und Shoppen und zwischendurch werfen wir kurze Schlaglichter auf das Leben der Anderen, fordern auf, zu erzählen oder fragen nach und verfallen wieder in Aktivität. Währenddessen fühlen wir uns wohl miteinander oder eben nicht. Am Anfang haben mich diese Treffen verwirrt, mittlerweile weiß ich, dass es um viel mehr geht, als nur Fakten abzufragen. Man überprüft, ob das Gefühl zueinander noch stimmt, ob es immer noch eine gemeinsame Ebene gibt, auf der man agieren kann. Ist dieses Gefühl beständig, trägt es über Wochen des Nichtsehens hinweg. Am Schluss beschenkt mich Gülistan, wahlweise mit Schmuck, Kosmetik, Schokolade, Unterwäsche, Kochbüchern, Gewürzen oder Klamotten. Sie beschenkt mich immer. Meine Handtasche platzt aus allen Nähten. Dann fahre ich zurück nach Kreuzberg.
Einen Tag später wird mir ein befreundetes Paar per Mail die Freundschaft kündigen. Ich werde früh am Rechner sitzen und die Mail lesen. Ich werde lesen, dass sie keine Lust mehr haben, mich zu treffen. Sie werden mir vorwerfen, dass ich die Freundschaft nicht gepflegt habe. Einen von beiden habe ich Sylvester 2004 auf 2005 im Berghain kennen gelernt. Das ist inzwischen eine lange Zeit, fünf Jahre, ausgelöscht durch eine Mail. Ich werde sie mehrmals lesen und mich fragen, warum. Vielleicht stimmte das Gefühl nicht mehr, vielleicht ist es ihnen abhanden gekommen. Bei meinem letzten Besuch im Winter war es noch da. Ich lebe seit drei Jahren in Dresden. Ich habe noch viele Freunde in Berlin. Wenn ich hier bin versuche ich, sie zu treffen. Bin ich in Dresden, denke ich an sie, ich denke mehr an sie, als dass ich sie anrufe. Mein Gefühl für sie ist da, immer. Mehr vermag ich im Dresdner Alltag nicht zu geben.
Aber noch weiß ich nichts von der Mail meiner Freunde. Noch sitze ich in der U-Bahn Richtung Kreuzberg, auf meinen Knien die Tasche mit den Geschenken.
Ich gehe Baden. Fast.
Jan und ich gehen aufs Badeschiff. Das Badeschiff ist unter Berlinern und Touristen gleichermaßen beliebt und ein Ort, den man wohl unbedingt mal gesehen haben muss. Mitten in der Spree ist ein Schwimmbecken mit klarem, blauem Wasser eingelassen. Wenn man darin schwimmt, hat man das Gefühl, man schwämme in der Spree. Hier ist es immer voll und auf den Holzbohlen zum Becken tummeln sich junge, sehr schöne, sehr trendbewusste Menschen. Mein beuliger Hintern sehnt sich nach der Verschwiegenheit abgelegener Waldseen, also erspare ich es ihm, mich in meinen 10Jahre alten Bikini zu schmeißen und zwischen aufmerksamen Augen auf und abzumarschieren. Auch Jan verzichtet auf ein Abkühlung, auch er hat seine Gründe, über die an dieser Stelle aber Diskretion gewahrt werden soll, schließlich liest er, was ich hier schreibe. Wir stehen also angezogen an Holzzäune gelehnt, trinken Bier und hören uns Viktoria Park, eine Berliner Band, an, die heute Abend hier spielt. Sie spielen neue Lieder, aber auch alte, die wir schon neun Jahre kennen, und wir werden wehmütig, weil plötzlich zwischen der belebten Gegenwart die vergangene Zeit spürbar wird, als es das Badeschiff noch nicht gab, aber uns beide in dieser Stadt. Jan zeigt auf die Speicher am gegenüberliegenden Ufer, die frisch renoviert und angeleuchtet zu uns herüberstrahlen. Die Stadt hat sich verändert, seit wir hier leben, sie wird immer sauberer und hübscher, die Brachflächen verschwinden, Kreuzberg ist überfüllt mit jungen Menschen, die Türken ziehen nach Neukölln oder Wedding, auch Freunde wohnen schon dort, denn eine Wohnung im alten Kiez kann kaum noch jemand zahlen. Jan befürchtet, dass er irgendwann in Marzahn wohnen wird, aber noch wohnt er in der Kreuzberger Wohnung, die wir damals zusammen bezogen haben, bevor ich nach Dresden gegangen bin. Einen Koffer in Berlin wollte ich noch haben, inzwischen zahle ich schon längst keine Miete mehr für mein Zimmer, zu selten komme ich her. Zwei Dresdner Jahre sollten es sein, inzwischen sind es drei und ein Ende ist nicht abzusehen. Und über meine Wange läuft eine Träne und Jan und ich stehen nebeneinander in diesem berückend schönen Postkartenmotiv und die Band spielt ein altes Lied von vor neun Jahren:
„Das ist jetzt schon drei Jahre her, wir waren lang nicht mehr hier,
uns kennt kein Mensch mehr
Und ist es nicht schön, wie wir untergehen, an den Ufern der alten Tagträumerseen
so genial, so genial, so genial verlogen
Wunderbar, wunderbar – alles klar!“